Eiswüste

Töneumfassende Dichtkunst

Welch tiefer weicher Klang

drängt sich meinen Ohren auf

und führt mich lächelnd hinauf,

mit ungeahnt führendem Drang

.

etwas besonders Berührendes

zu erschaffen, was schon leise winkt

in mir Formen annimmt und schwingt,

bis es lebt und ein Umarmendes

.

Vergnügen wird, welches Durst stillen

und erfreuen kann. Doch ausleben

darfst du es dann selbst im Streben

danach, Lebendigkeit zu enthüllen.

~

Schon vor einem Jahr machte ich diesen Spaziergang in der Stille und hatte viele Gedanken zu dieser Eiskunst. Aber erst jetzt konnte ich sie niederschreiben. Manches braucht eben Zeit.  Diese Musik war sehr inspirierend 🙂

Das Sonnenlicht spiegelt sich in den hauchdünnen Schichten aus Eis. Sie umgeben dich schon so lange, dass du die Kälte nicht mehr spürst. Sie ist ein Teil von dir geworden. Dein Atem ist inzwischen nur noch ein kalter Hauch. Manchmal kommt ein menschliches Wesen in deine Eiswelt, meint: „Puh, ist das kalt hier.“ und verschwindet schnell wieder. Diese kleine Irritation wird nichts bewirken. Dann kommt vielleicht einer mit guten Ratschlägen und sagt: „He, bring doch mal ein bisschen Wärme in dein Leben.“ Du fragst dich kurz, was eigentlich Wärme ist. Eine Erinnerung taucht wie eine Feder auf und einen Augenblick lang sorgt sie für einen warmen Atemstoß. Doch als der auf die erste Eisschicht trifft, beginnt diese zu schmelzen. Wie weh das tut. Schnell sorgst du dafür, dass die Erinnerung tief in dir verschlossen wird. Und diese Erfahrung kommt in die Schublade: schwer – am liebsten geschlossen halten. Damit ist deine kristallene Welt wieder in Ordnung. Du konzentrierst dich darauf, dass die grazilen Eisschichten nicht außer Form geraten. Dann ist alles, wie es sich gehört.

Mitten in deiner gefrorenen Gedankenwelt erscheint überraschend ein Mensch. Er ist warmherzig. Seine Glut strahlt und sofort versuchst du, ihn loszuwerden, seine Art zu belächeln. Oder du empfindest Ärger über ihn, der deinen gut organisierten Eisladen zum Schmelzen bringt. Woher nimmt dieser Mensch seine Ausdauer und den Mut? Eisplatten in dir beginnen zu klirren. Er erzählt dir, dass auch er einst ein einziger Kristall war. Wie kann das sein? Dieser Mensch ist für dich heute nur mit Hitze und Strahlkraft assoziierbar. Er ist nur da, sagt manchmal nichts, hört dir zu. Schollen krachen und tropfen vor sich hin. Du wirst zu einem Tränenfluß. Du wehrst dich, dieses Auftauen schmerzt, doch deine Kälte ändert nichts an der Wärme dieses Menschen. Vielleicht sieht es zeitweise so aus, als wäre der Andere einmal nicht da. Ab und an zieht er sich in die Stille zurück, weil deine Kälte in ihm die eine oder andere Eisschicht zu Tage fördert, die noch in den Tiefen versteckt überdauerte.

Aber er kommt immer wieder und fragt, ob er bleiben soll und du ringst mit dir, willst nein antworten, aber meinst ja. Denn du spürst, wie in all dem tropfenden Frost heilsamer Tränen Heilung entsteht. Du stößt ihn fort, doch dein Gegenüber sagt: „Wenn du mich brauchst, bin ich da. Wenn du dir all die Glasscherben anschaust, die klirrend zerspringen oder langsam vor sich hin tropfen und du diesen Perlen erlaubst, zu fließen. Aber ich bleibe auch, wenn du auf Eisschichten stößt, die dir momentan zu schwer sind. In meinem Da-Sein wird Schicht für Schicht langsam beginnen zu tropfen. Es ist nicht anders möglich, wenn genug Wärme der Kälte begegnet.“ Du fragst, woher er das alles so genau weiß.

Und er beginnt, dir von seiner eigenen Eiswüste zu erzählen, die so groß war wie die Antarktis. Doch eine Sonne schickte so viele Strahlen verschiedenster Art in seine Wüste, dass diese kleiner und kleiner wurde. Die Strahlen waren Begegnungen mit Menschen, Augenblicke der Suche nach alten Wünschen und Hoffnungen, große Strahlkraft hatte die Natur, die nur durch die Sonne überhaupt existierte. Und die Stille – sie war wie eine Umhüllung des Zentralgestirns. Doch diese feurige Sonne hinter all dem kennenzulernen, war das Allerschönste. Sie gab sich selbst hin, sie explodierte mannigfaltig und aus ihr drangen feurige Zungen, bis die Wärme dieses honigfarbenen Glutballes in ihm auflebte. All die Perlen flossen in ein Tränenmeer und begannen, Wachstum zu schenken. Kleine Bäume erstarkten, selten schöne Pflanzen nahmen Raum ein, kleinste Lebewesen erfreuten sich an ihrem Dasein, die Stille wehte als ein laues Lüftchen vorbei und die ehemalige Eiswüste verwandelte sich in einen schöpferischen Garten. Nur hier und da blieb eine der dicken Schollen übrig und wurde erst einmal umrahmt von Pflanzen.

Wenn er mit seiner Wärme auf andere Eiskristalle traf, konnte es sein, dass seine eigenen  übriggebliebenen in der Tiefe zu klingen und zu klirren begannen. Dann kümmerte sich die Sonne in ihm mit besonderer Wärme um sie.

Diese Erzählung säte Hoffnungssamen in dir, so dass du ganz gespannt bist, wie es mit dir selbst weitergeht. Du beginnst zu staunen, als bei dir die ersten kleinen Knospen zu sprießen beginnen. Da ist auch noch viel Eis, aber jetzt kennst du den Unterschied zwischen Wärme und Kälte wieder und deine alten Sehnsüchte sind geweckt. Mit neuer Kraft widmest du dich all den Eisschichten, die da noch so viel Kälte ausstrahlen. Du bist dankbar und beginnst, deine Wärme in die Kristallwelt Anderer zu strahlen. Noch ist deine Strahlkraft nicht so stark, aber du hast ein Bild bekommen, wie dieser Sonnengarten blühen kann. Und mutig atmest du warme, liebevolle Luft in die Umgebung. Die Sonne spiegelt sich in kleinen Pfützen und weil sie in dir ist, ist dein Leben keine Eiswüste mehr, sondern ein glühendes Farbenmeer.

All das wünsche ich dir sehr.

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